Nachgeschmeckt: Österreich, Teil 3 – Wagram


Veltlinerland…

Der Wagram gehört zu den Weingebieten Österreichs, die zumindest außerhalb des Landes eher zu wenig als zu viel Aufmerksamkeit erhalten.  Dabei ist die Region im Grunde ganz einfach zu verstehen: Wagram ist Veltlinerland. Auf rund 60% der Rebfläche steht Grüner Veltliner, so viel wie in keinem anderen Weinbaugebiet. Dazu kommt als besondere Spezialität der Rote Veltliner, der mit dem Grünen allerdings lediglich den Nachnamen gemein hat, ohne mit ihm verwandt zu sein. Die Reben stehen hier zum größten Teil auf Löss. Die oft meterdicken Lössterrassen sind ein idealer Boden für Grünen und Roten Veltliner, aber auch Weißburgunder und Chardonnay fühlen sich hier recht wohl.  Riesling, obschon er als drittwichtigste Sorte de Gebietes gilt, tut sich mit dem Untergrund etwas schwerer. Auch wenn sich immer wieder ausgezeichnete Wagramer Rieslinge finden, die Veltliner haben doch fast immer die Nase vorn.

Die Verkostung der rund 120 Wagramer Weine, die uns heuer bislang vorgestellt wurden, war fast durchweg ein Vergnügen.  Wirklich schwache Weine begegnen uns hier kaum. Dafür vermitteln auch die einfacheren Tropfen ähnlich wie im angrenzenden Wien oft eine unkomplizierte Trinkfreude, ohne banal zu wirken, und selbst die komplexen Spitzenweine bleiben in der Regel ungeheuer animierend.

Einer der führenden Betriebe ist das Weingut Leth in Fels am Wagram. Auch heuer stellte Franz Leth eine Palette von Weinen vor, die in fast allen Kategorien an der Spitze der von uns probierten Auswahl stehen. Seine vielschichtigen und zugleich geschliffenen Veltliner aus den Spitzenlagen Brunnthal und Scheiben sind Jahr für Jahr erstklassig, doch sollte man darüber keinesfalls seinen Grünen Veltliner aus dem Schafflerberg übersehen. Mit weniger als 10 Euro ab Hof ist dieses spannende und dabei hochfeine kleine Meisterwerk einer der preiswertesten Spitzenweine ganz Österreichs. Doch nicht nur die Veltliner, von denen bereits die Klassik-Versionen großes Vergnügen bereiten,  verdienen bei Leth Aufmerksamkeit. Sein “Wagramterrassen” ist auch einer der wenigen hochklassigen Rieslinge des Jahrgangs im Gebiet. Dazu kommen zwei sehr empfehlenswerte Sauvignon, ein sehr guter, wie recht oft im Gebiet halbtrocken ausgebauter Weißburgunder sowie mit dem “Gigama” nicht nur der beste Rotwein des Gebiets, sonder auch einer der feinsten Zweigelt überhaupt.


…mit Rotweininseln

Damit wäre das Rotweinthema beinahe schon abgehandelt, was den Wagram betrifft, aber zwei weitere sehr gelungene Zweigelt verdienen doch noch eine besondere Erwähnung: der geschliffene, animierende “Bromberg von Franz Bayer (der übrigens auch einen recht interessanten, süß ausgebauten Roesler im Programm hat), sowie der deutlich kräftigere, etwas schokoladige “Barrique N° 5 vom Urbanihof.


Grün und Rot – alles weiß

Beide Weingüter haben natürlich auch bei den Weißen einiges zu bieten. Im recht umfangreichen Sortiment von Franz Bayer fallen vor allem die Roten Veltliner positiv auf, noch vor den Grünen Veltlinern. Beim Urbanihof ist es eher umgekehrt, obwohl sich beide Sorten hier eigentlich wenig nehmen. Überhaupt sollte man den Betrieb unbedingt im Auge behalten: alles, was wir vom Urbanihof heuer probierten, war von weit überdurchschnittlicher Güte.

Ebenfalls überaus positiv überrascht sind wir vom Weingut Direder in Kirchberg. Die Reserven von Grünem Veltliner und Weißburgunder sind exzellent, der Burgunder womöglich der beste des ganzen Gebietes, aber auch das restliche Sortiment zeigt keinerlei Schwächen. Ganz ähnlich geht es uns mit Franz Sauerstingl, der mit einer bemerkenswerten Serie von Grünen Veltlinern mit den Bezeichnungen “Löss I” bis “Löss IV” aufwartet. Zu den besten Grünen Veltlinern des Wagrams gehören auch Steinberg und Mordthal vom Eckhof, die Reserve “vom Wagramer Löss” von Gerhold, die “Wagramer Selektion” von Gudrun Grill und die 2012er Reserve von Waldschütz. Weitere gute Rote Veltliner findet man bei Sauerstingl, Gerhold sowie der Familie Ernst in Großwiesendorf. Bei Fritz Salomon vom Gut Oberstockstall sind es weniger die Veltliner, die auffallen, als vielmehr die Burgundersorten. Vor allem der Weißburgunder kann sich sehen lassen, aber auch der Chardonnay gefällt – wie eigentlich jedes Jahr. Bemerkenswert auch hier: beide Weine sind halbtrocken ausgebaut.


Die Bio-Antipoden

Zwei der wichtigsten Weingüter des Wagrams eint zwar die biodynamische Weinbauphilosphie, doch geschmacklich trennt deren Weine doch Welten.  Während Toni Söllner besonders feingliedrige, geschliffene und kühle Weine auf die Flasche bringt, die frühestens  auf den zweiten Schluck zeigen, was in ihnen steckt, sind jene von Wimmer-Czerny – bei im Schnitt ähnlich niedrigen Alkoholgraden – oft etwas ausladender, auch besonders in der Jugend meist deutlich wilder. Viele von ihnen brauchen einige Zeit in der Flasche um sich zu straffen und aromatisch zu stabilisieren. Zweifellos erzeugen jedoch beide Weingüter einige der besten Roten und Grünen Veltliner der Region und auch die Rieslinge sind stets bemerkenswert gut; bei Wimmer-Czerny kommen noch ein sehr guter Weißburgunder und  bemerkenswerter Sekt hinzu.


Quelle: http://backstage.wein-plus.eu/2014/07/24/nachgeschmeckt-oesterreich-teil-3-wagram/